Ironman Frankfurt 2016

Ironman Frankfurt 2016

5. Juli 2016 0 Von Benni

Unglaublich… es hat tatsächlich geklappt! Ich habe den Ironman Frankfurt in 8:56 h gefinisht und gehöre damit zu den Sub9 Athleten auf der Langdistanz. Wie geil ist das denn bitte? Ein Versuch diesen Wahnsinnstag in Worte zu fassen…

Freitag

Anreise von Lünen nach Frankfurt. Wir haben ein nettes Hotel nur einen knappen Kilometer vom Römer entfernt. Startunterlagen abholen und das nervige Plastikarmband umbekommen. Dann die Wettkampfbesprechung. Nix neues, wenn man den Athlete Guide schon sorgfältig studiert hat. Ich darf nicht in die Wechselzone pullern und nicht mit Ilka zusammen über die Ziellinie laufen. Wird gemacht. Die Pastaparty lassen wir ausfallen, um stattdessen die Beine hochzulegen. Unser Hotel hat sich erfreulicherweise auf den Ironman eingestellt und bietet ein Pastabuffet an. Sehr übersichtlich aber ganz genau das was ich essen will. Perfekt also.

Samstag

Ein reichhaltiges Frühstück und anschließend die Radrunde mit dem Auto abfahren. Zwar habe ich mir die Strecke 2007 bei Ilkas Start schon angeguckt, aber so gut ist mein Gedächtnis auch nicht. Die Strecke hat zwar keine heiklen Stellen, die man kennen muss, trotzdem ist es gut immer genau zu wissen was einen erwartet. Danach alles fertig machen und erst den Beutel für Wechselzone 2 abgeben und dann das Rad am See einchecken. Der Probewettkampf in DK, der exakt nach dem gleichen Prinzip ablief (getrennte Wechselzonen, 3 Beutel usw.), hat sich definitiv gelohnt. Ich muss mir um nichts mehr Gedanken machen, alles läuft automatisiert. Anschließend noch kurz in den See springen und die Arme etwas lockern. Während ich im Wasser bin fahren die besten Ironfans der Welt – Birger und Stefan – in Frankfurt ein. Wir treffen uns im Hotel, reden wie üblich eine Menge Blödsinn und sagen alle 2 Minuten wie viel Bock wir auf morgen haben. Außerdem bekomme ich das Armband (kann auf der Messe angefertigt werden) mit den genauen Splitzeiten für eine Endzeit von 7:59 h überreicht. Mir wird also einiges zugetraut.

Zum Abendessen geht es dann wieder einfach eine Etage tiefer zum Buffet. Noch ein Eis zum Nachtisch und dann aufs Zimmer und die Vorberichte zum Deutschlandspiel gucken. „Noch nie haben wir in einem ungeraden Monat mehr als ein Tor gegen Italien vor der 37 Minute geschossen, wenn die Quersumme der Zuschauer durch 7 teilbar war…“ Ich denke an den armen Sebastian Kienle. Schließlich hat er bisher jedes Rennen, das er in Frankfurt gegen mich bestritten hat, verloren. Die Statistik spricht also klar für einen Sieg von Benjamin Winkler. Gut, es gab bisher nur ein Aufeinandertreffen in Frankfurt und das war vor 14 Jahren bei einem Juniorenwettkampf. Hier der Beweis (Platz 19 und 29):

Ich schenke der Statistik im Vergleich zu den Fußballexperten nicht allzu viel Beachtung und bereite meine Sachen für den großen Tag vor. Die erhoffte Vorentscheidung beim Fußball in der ersten Halbzeit (wie z.B. gegen Brasilien 2014 mit 5:0) bleibt aus. Trotzdem kommt der Fernseher um kurz vor 22 Uhr aus. Ich bin eigentlich relativ gelassen, aber das Einschlafen will trotzdem nicht so richtig klappen. Ständiges Gegröle vom Public Viewing lassen mich die Ohropax rausholen. Ab 0 Uhr weiß ich auch wer gewonnen hat (trotz Ohropax). Es zieht knappe 1,5 h ein dauerhupender Autokorso vor dem Hotel entlang. Mitleidig denke ich an Birger und Stefan, die am Straßenrand im Auto schlafen. Viel Schlaf finde ich am Ende nicht. Aber die Nacht vor dem Wettkampf ist bekanntlich sowieso egal.

Sonntag

Endlich ist der Tag da. Ich glaube ich habe mich selten so sehr auf einen Wettkampf gefreut. Jetzt kann es losgehen. Ich nehme den Shuttleservice direkt zur Wechselzone und bin pünktlich zur Öffnung um 5 Uhr dort. Meine Supportcrew parkt das Auto strategisch günstig, um nach dem Schwimmen an die Radstrecke fahren zu können. Die letzten Vorbereitung sind schnell gemacht und so bleibt ausreichend Zeit um noch einmal im Kreis meiner Ironfans darauf hinzuweisen, wie viel Bock ich habe. Ich schaue mir leicht amüsiert an, wie 70 Minuten vor dem Start viele Teilnehmer schon den Neoprenanzug an und die Schwimmbrille auf der Nase sitzen haben, während andere erst mit dem Shuttle eintrudeln. Ich mache mich in Ruhe fertig, weise noch einmal darauf hin, dass ich richtig Bock habe und gehe zum Start. Der erfolgt in diesem Jahr erstmals nach dem Rolling Start Prinzip. Man stellt sich nach Zielzeit geordnet auf und alle 5 Sekunden werden 12 Athleten ins Wasser gelassen. Die persönliche Zeit startet erst beim Überqueren der Startlinie (also wie bei einem Marathon). Ein gutes Vorgehen wie ich finde, trotzdem gibt es ganz vorne natürlich Gedrängel. Der Kommentar meines langjährigen Wegbegleiters André Beltz lockert die Atmosphäre etwas auf. „Der Schwimmstart ist beim Ironman ja bekanntlich das Wichtigste!“ Dann der Startschuss. Es geht los. Ich bin bekennender Hinterherschwimmer und mein Plan war eigentlich nur ein paar schnelle Vorderbeine zu finden und mich reinzuhängen. Der Plan geht leider nicht auf. Ein paar Schwimmer vor mir reißt ein Loch und die Jungs vor mir werden mir zu langsam. Also schwimme ich den größten Teil doch alleine. Egal denke ich mir, so ist Birger (bekennender Nichthinterherschwimmer) wenigstens Stolz auf mich. Vor dem Ausstieg dann der bange Augenblick. Was sagt die Uhr wohl? Kalkuliert sind ca. 52 Minuten. Deutlich mehr würde mich auch nicht umhauen, aber zumindest einen ersten kleinen Dämpfer geben. Dann die Beruhigung, irgendwas bei 50:30 Minuten. Perfekt!

Dann der Wechsel, den ich in DK noch absolut verrissen habe. Diesmal flutscht es und ich treffe André kurz im Zelt. Unter dem Gegröhle meines Supports geht es auf das Rad. Jetzt geht der Tag richtig los. Ich konzentriere mich von Anfang an darauf meine geplanten Wattwerte zu halten, was wie erwartet nicht ganz einfach ist. Sehr angenehm ist, dass ich fast die kompletten 180 Kilometer meine Ruhe habe. Die Gruppenbildung passiert zum Glück erst ein paar Minuten weiter hinten, wo die Athleten deutlich enger aus dem Wasser kommen. So kann ich mich voll auf mich konzentrieren. Am Heartbreak Hill in Bad Vilbel treffe ich wieder meinen Support. „Benni, Du siehst geil aus!“ – Mein Hauptziel ist also schon einmal erreicht. Die Durchgangszeit nach der ersten Runde passt. Die zweite Runde wird dann etwas zäher. Wenn man als Schleswig-Holsteiner in Frankfurt startet, rechnet man mit absoluter Windstille. Die gibt es nicht ganz, das bringt mich etwas aus dem Konzept. Ich reiße mich zusammen und bringe das Ding wie geplant zu Ende. Nach 4:44 h darf ich in die Laufschuhe wechseln. Noch ein kurzer Stop am Dixi, der gefühlte 5 Minuten dauert, und los geht’s. Ich lasse mir auf meiner Uhr meinen Kilometerschnitt und die Gesamtzeit anzeigen. Ich habe 3:19 h Zeit um unter 9 h zu bleiben und kann auf der ersten Runde noch sehr entspannt 4:15 min / km laufen. Die Zuversicht wächst. Mitte der zweiten Runde folgt ein weiterer Dixi-Stop (zieht sich dann auch über die restlichen Runden durch) und ein erstes Tief. Mein Support leistet wieder sensationelle Arbeit und pusht mich immer wieder nach vorne. Überall steht mein Name oder #richtigbock auf dem Asphalt und durch die Brücken über den Main sehe ich alle paar Kilometer einen meiner Ironfans. Geil sehe ich nicht mehr aus, das weiß ich. Trotzdem beiße ich mich durch. Ab Halbmarathon bin ich verstärkt mit Rechnen beschäftigt. Was muss ich noch für ein Tempo halten, um unter 9 h rein zu kommen? 5 km vor dem Ziel dann die endgültige Gewissheit. Wenn mir nicht die Beine wegsacken mache ich das Sub9 Finish klar. Geil! Den Zielkanal genieße ich in vollen Zügen. Ich lasse mich von den Zuschauern feiern und werde noch von sprintenden Athleten überholt. Egal. Ob ich am Ende 30. oder 32. bin interessiert niemanden. Aber für diesen Augenblick bin ich sieben Monate morgens um 6 geschwommen, abends um 9 im Regen gelaufen usw. Dann will ich es auch genießen. Stefan grölt meinen Namen von der Tribüne. Ein Hammer Gefühl. Ich trudel über die Ziellinie. 8:56:21 h. Ich habe es tatsächlich geschafft. Im Durchgang zum Athletes Garden treffe ich kurz danach Ilka, Birger und Stefan und falle allen glücklich in die Arme. Birger holt das obligatorische „Super Bock“ Bier aus dem Rucksack. Noch bevor ich darüber nachdenken kann, wie ich die Flasche aufmache, langt mir ein Helfer mit seinem Flaschenöffner über die Schulter. Was für ein Augenblick.

Durch mein Amt im USC Kiel und den Förde Triathlon habe ich eine ungefähre Vorstellung, was hinter so einer großen Veranstaltung steckt. Was die über 4000 Helfer bei diesem Wettkampf leisten ist absolut sensationell.
Wir stoßen mit „Super Bock“ an und ich könnte den ganzen Rest des Tages auf das Gitter gelehnt stehen bleiben. Irgendwann wird es doch kalt und ich gehe mich duschen. Noch von der Stimmung auf der Bühne geflasht nehme ich mir vor um 22 Uhr zur Finish Line Party, bei der die letzten Zieleinläufe gefeiert werden, zu gehen. Erstmal müssen aber Rad und Beutel ausgecheckt werden. Wir gehen zurück zum Hotel. Stefan und Birger machen sich auf den Weg nach Hause. Ein Wochenende, 1300 km im Auto, kaum Schlaf, stundenlanges & kilometerweites an der Strecke herumlaufen und immer wieder Vollgas geben. Jungs, ihr seid doch einfach der absolute Wahnsinn!
Der Rest des Abends ist dann schnell erzählt. Ich kann mich noch an ein Footlong Sub bei Subway und 2,5 Tore für Frankreich erinnern, leider aber an keine Finishline Party.

Montag

Aufwachen, kurz sammeln, sich erinnern was gestern war („Ach ja, sch***e…“) und irgendwie zum Frühstück wackeln. Da tonnenweise Rührei, Rösti und Belgische Waffeln in Schokosauce vertilgen. Danach zur Awards Ceremony und Hawaii Slotvergabe. Für mich war von vornherein klar, dass ich keinen Platz haben will. Die Vorbereitung auf Frankfurt und der Wettkampf selber waren eine geniale Zeit, trotzdem ist der Bedarf das alles in ein paar Wochen zu wiederholen bei nahezu null. Entgegen der Prophezeiung vieler, dass ich doch ins Grübeln kommen würde, wenn es soweit ist, lasse ich den Platz verfallen. Stattdessen fiebern wir für André mit, der seinen Slot leider knapp verpasst.

Fazit

Wie ich in meinem letzten Blogbeitrag schrieb, habe ich mir bei der Anmeldung vor einem Jahr eine Chance von 50 % gegeben, dass ich es überhaupt an den Start schaffe. Die Chance auf ein Sub9 Finish hätte ich damals wahrscheinlich ungefähr mit einem EM Titel für Island gleichgesetzt. Das war nicht pessimistisch, sondern einfach realistisch. Ein Ironman + Vorbereitung ist immer ein Ritt auf einer Rasierklinge. Es kann so viel passieren und es muss einfach alles glatt laufen, damit man das Idealziel erreicht. Dass es jetzt tatsächlich geklappt hat, macht mich einfach nur glücklich und zufrieden. Ein Sub9 Finish auf der Langdistanz war schon immer eines meiner Ziele. 2008 habe ich es in Roth versucht und bin gewaltig gescheitert. Um so schöner es jetzt – 8 Jahre später und nachdem ich es eigentlich schon fast abgeschrieben hatte – doch geschafft zu haben!

Bilder