Ironman Frankfurt 2019

Ironman Frankfurt 2019

14. Juli 2019 0 Von Benni

Montag 01.07.2019 – Ein unbekanntes Symbol in der Statusleiste meines Smartphones. WordPress? “New achievement – Your stats are booming! Your Blog is getting lots of traffic.” Ach herrje. In den Details der Nachricht erfahre ich, dass die durchschnittliche stündliche Nutzung meines Blogs von 0 gerade massiv ansteigt. Wie konnte es dazu kommen, dass jemand freiwillig meinen Blog besucht? Was war passiert? Fangen wir vorne an.

Vorbereitung

Nach einer Saison 2018 mit drei Langdistanzen lasse ich das Training im Herbst etwas ruhiger angehen. Das Schwimmtraining macht richtig Laune, das Rad und die Laufschuhe lasse ich aber fast etwas verstauben. Ich versuche so viel Energie wie möglich für die anstehende Saison zu tanken. Das gelingt mit einem langen Urlaub in Neuseeland super. Danach starte ich Mitte Januar in das strukturierte Training. Neu dabei: Mein Training wird ab sofort durch Nils Goerke gesteuert. Ich kenne Nils seit ich vor 20 Jahren mit dem Triathlonsport begonnen habe und wir haben zu seiner aktiven Profizeit unzählige Trainingseinheiten zusammen absolviert. Der “Maikäfer” nach dem Bahntraining und das 2 h “Raus-Rein” auf dem Rad sind dabei bis heute legendär. Durch das vertraute Verhältnis gelingt es sofort eine gute Basis zu finden und ich komme gut in den Trainingsalltag, die Ziele der Saison immer fest im Blick. Das Frühjahr läuft super. Bis auf sehr kurze Unterbrechungen kann ich konstant trainieren und die Form wird immer besser. Im April erfülle ich mir einen Traum und absolviere die RTF der Flandernrundfahrt. Ein geniales Erlebnis ein Teil dieses Spektakels zu sein. Eine Woche später folgt noch eine weitere Teilnahme bei Paris – Roubaix. Die Hoffnung die Grenze meiner Leidensfähigkeit weiter nach oben zu verschieben geht dabei gut auf. Wie schon 2016 tut mir im Ziel einfach der ganze Körper weh. Und ich fand es trotzdem mega geil.
Im Anschluss steht der Start in die Triathlonsaison an. Bei den Vorbereitungswettkämpfen in Flensburg und Lübeck kann ich als mittlerweile AK 35 Starter den Shootingstars der Szene zeigen, dass ich es immer noch kann und bleibe ungeschlagen. Der große Tag kann kommen und ich gehe mein erstes Saisonhighlight optimistisch an.

Freitag

Ilka und ich sind bereits in Frankfurt eingetroffen. Die Temperaturen sind schon jenseits des Erträglichen, aber die Vorhersage für Sonntag ist noch einmal ein paar Grad heißer. So lange es im Hotelzimmer noch auszuhalten ist, bleibe ich entspannt liegen und versuche Coach Goerkes alte Weisheit “Liege wenn Du nicht sitzen musst, sitze wenn Du nicht stehen musst” bestmöglich umzusetzen. Gegen Mittag brechen wir auf zum Römer. Ein kurzer Verpflegungsstop im Supermarkt. Um mich herum überall Triathleten, die Last Minute versuchen mit Rote Beete Saft noch einmal die entscheidenden Prozente herauszukitzeln. Ich entscheide mich lieber für ein Eis. Danach geht es zur Wettkampfbesprechung. Eine Stunde in der Hitze schmoren. Neben uns sitzt ein sehr redseliger Senior, der hofft diesmal das Zeitlimit zu knacken. In seinem Schoß ein Notizblock, in dem jeder Hinweis detailliert festgehalten wird. “Zieleinflauf: Nicht auf die Uhr drücken. Ausrufezeichen. Sieht auf Foto nicht gut aus. Ausrufezeichen.” Ich amüsiere mich und Frage mich ob es mir helfen würde dies auch einmal in mein Notizbuch zu schreiben. Wichtigste Info für mich: Der Langener Waldsee hat bereits über 25 Grad. Es wird also ohne Neo geschwommen. Yes!
Nachdem alle Informationen übermittelt sind, hole ich meine Unterlagen ab und wir gehen noch kurz über die Messe. Direkt am ersten Stand lasse ich mir einen Schuh mit dem Namen “Carbon Rocket” andrehen. Ich bin überzeugt, dass mich alleine der Name 5 Minuten schneller macht und entschließe mich das Risiko einzugehen einen neuen Schuh im Marathon zu laufen. Den Rest der Messe gibt es im Schnelldurchlauf, um nicht zu sehr in der Sonne zu braten.
Den Abend verbringen wir mit einem entspannten Ausflug zum See und einer kurzen Runde um die Arme etwas zu lockern.

Samstag

Morgens absolviere ich noch eine kurze Abschlusseinheit auf dem Rad und einen Koppellauf. Das Material passt alles. Als einzige kurzfristige Änderung fahre ich nicht mit dem luftdichten Zeitfahrhelm sondern setze auf einen etwas besser belüfteten Aerohelm. Schließlich geht es morgen aller Voraussicht nach nicht ausschließlich um “racing fast” sondern auch um “racing smart”. Nachdem ich alles für das Einchecken vorbereitet habe, begebe ich mich zum Shuttlebus an den Langener Waldsee. Mir wird wieder einmal die Dimension der Veranstaltung bewusst, als ich die Warteschlange an der Haltestelle sehe. Trotzdem läuft alles flüssig und die Wartezeit in der prallen Sonne hält sich in Grenzen. Es folgt ein unspektakulärer Checkin. Trotz meiner Sonderrechte als “Ironman All World Athlete Gold” fühle ich mich wenig glamourös und ziehe alles zügig durch. Der Rest des Tages verläuft sehr ruhig und eigentlich wie immer. Alle Sachen vorbereiten. Früh ins Bett und sich auf den kommenden Tag freuen.

Sonntag

Der Wecker geht um 4 Uhr. Nach den diversen Langdistanzen der letzten Jahre ist das was folgt schon fast Routine. Frühstück, Sonnencreme auftragen, viel trinken, Wetter App checken, noch mehr trinken, Transponder ans Bein und los geht’s. So treffe ich um 5:15 Uhr an der Wechselzone ein und mache mein Rad und die Wechselbeutel in Ruhe fertig. Ich gehe zum See und treffe Ilka wieder. Zeit mich in meinen Swimsuit zu schmeißen, dessen Ärmel mir aus völlig unerklärlichen Gründen viel zu weit sind. Ich schlage sie mehrfach um, damit sie im Wasser nicht schlackern. Noch ein kurzes Warm-Up am Seeufer und schon muss ich mich zur Startaufstellung begeben, um beim Rolling Start ganz vorne dabei zu sein. Die Phase vor dem Start ist immer etwas besonderes, ich versuche mich aber einfach bestmöglich auf den bevorstehenden Tag zu konzentrieren. Die Profi Männer werden losgeschickt. Noch 15 Minuten. Dann die Frauen, noch 10 Minuten. Ich stehe in Reihe 1 und scharre mit den Hufen. Dann geht es endlich los. Ich bekomme wieder einmal zu spüren, dass schnelles Anschwimmen nicht mein Ding ist. Ich werde so viel überholt, dass ich schon fast anfange an meiner eigentlich guten Schwimmform zu zweifeln. Nach einiger Zeit pendelt sich das Tempo aber ein und ich erwische gerade noch die erste größere Gruppe. Vor uns nur ein Top-Schwimmer, der am Ende 5 Minuten schneller aus dem Wasser kommt. Ich kann gut Wasserschatten schwimmen und muss mich bei tiefstehender Sonne und extrem schwierigen Sichtbedingungen kaum selber orientieren. Nach gut 1,5 km kommen wir zum Australien Exit, einem kurzen Landgang. Als wir das Wasser verlassen überall hektische Zuschauer, die nach links winken. Wir haben offensichtlich die falsche Seite der Laufpassage angesteuert und müssen einige Meter am Ufer entlang. Das Tempo bleibt auch nach dem Landgang genau richtig für mich und ich kann mich bis zum Ende in der Gruppe halten. Den gemeinen Anstieg im Sand nach dem Schwimmausstieg bringe ich irgendwie hinter mich und freue mich, dass ich mich nicht aus dem Neo pellen muss. So läuft der Wechsel unkompliziert. Ich wundere mich kurz über den rumfliegenden Aufkleber in meinem Wechselbeutel, bis mir einfällt, dass ich die Ventilöffnung meines Scheibenrades am Morgen nicht abgeklebt habe. 10 Watt dahin. Mindestens! Aber das bekomme ich kompensiert. Beim Verlassen der Wechselzone höre ich Coach Goerke. 52 Minuten, Platz 8. Das ist anständig. So starte ich motiviert in meine Paradedisziplin.
Zu Beginn der Radstrecke halten sich die Temperaturen noch in Grenzen, trotzdem habe ich eine gehörige Portion Respekt davor, was ansteht. Daher fällt es mir ausnahmsweise einmal nicht allzu schwer mich zurückzuhalten. Den ersten Abschnitt nach Frankfurt finde ich wie beim letzten Start mega genial. Breite Straße, flach, windstill und ruhige Morgenstimmung. Dann die Ankunft in Frankfurt und das Gefühl: Jetzt geht es richtig los. Die ersten Anstiege stehen an und ich fühle mich saustark. Aber ich halte mich weiter zurück und plane zum Ende dann richtig den Hammer auszupacken. Die Jungs aus meiner Schwimmgruppe habe ich hinter mir gelassen und befinde mich auf Rang zwei im Feld der Agegrouper. Die Zeit verstreicht wie im Flug und plötzlich ist auch schon die erste Runde beendet. Es wird immer wärmer und ich nutze die Verpflegungsstationen, um mich mit Wasser zu übergießen und so etwas abzukühlen. Der neue Kurs in Frankfurt ist zwar etwas länger (185 km) und hat mehr Höhenmeter (knapp 1500), aber das wellige Profil kommt mir entgegen und ich spiele meine Kraft gut aus. Nach knapp 140 km kann ich mich an die Spitze des Agegrouper Feldes setzen, merke aber auch allmählich, dass ich den Hammer leider doch eingepackt lassen muss. Der Mund wird immer trockener und ich nehme jeden Gartenschlauch, der von Anwohnern auf die Straße gerichtet ist, mit. Für mich sehr angenehm: Ich fahre die komplette Radstrecke alleine. Dadurch ist es natürlich etwas einsamer und es fehlt eine unmittelbare Motivation, aber ich bevorzuge es tatsächlich mich komplett auf mich bzw. viel mehr auf meinen Radcomputer zu konzentrieren. Am Heartbreak Hill in Bad Vilbel sind es nur noch 10 km und ich bekomme langsam Angst vor dem anstehenden Marathon. Ich versuche in der letzten Abfahrt noch einmal zu entspannen und mich gut zu verpflegen. Meine Füße schmerzen und fühlen sich an als wären sie auf Größe 50 angeschwollen. Dann die ersten Laufschritte nach dem Abstieg vom Rad. “Autsch, autsch, autsch…” Ich rette mich ins Wechselzelt und freue mich über die kurze Pause zum Anziehen der Schuhe. Dem Drang mir mehr Zeit zu lassen widerstehe ich und starte in das große Finale, den vermutlich härtesten Teil meines Tages. Nach wenigen Metern finde ich bereits einen sehr guten Rhythmus und laufe ein anständiges Tempo. “Wie jetzt, doch so einfach? Und ich hatte so viel Respekt.” Ich habe eigentlich genug Langdistanzen absolviert, um zu wissen, dass sich die ersten 10 km des Marathons immer einfach anfühlen. Trotzdem schaffe ich es wieder einmal das im entscheidenden Augenblick zu verdrängen und bin mir sicher: Das wird heute ein Kinderspiel. Coach Goerke ruft mir immer wieder zu “Ruhig bleiben! Langsamer! Kühl Dich runter!”. Ich verstehe nicht was er von mir will, alles total easy. Mitte der zweiten Runde bin ich auf der Südseite des Mains. Kein Luftzug, kaum Schatten, 4 km geradeaus über den heißen Asphalt, die Temperatur steigt immer weiter. Mir dämmert, worauf Nils hinaus wollte. Schlagartig sinkt mein Tempo und meine Gedanken beschränken sich auf “Wann kommt die nächste Verpflegungsstelle?”. Von jetzt an ist mir klar: Der Rest des Tages wird ein knallharter Kampf. Ich kühle mich an den Stationen mit Schwämmen, Eis und Wasser so weit wie möglich ab. Dazwischen versuche ich einfach immer weiter zu laufen. Nils versorgt mich mit den Abständen nach hinten. Glücklicherweise scheinen meine Mitstreiter ebenso zu kämpfen und machen keinen Boden gut. Zusätzlich motiviert die enorme Stimmung am Streckenrand. Ich freue mich und bin dankbar für jeden Zuruf eines Zuschauers, der sich bei 38 Grad an den Main stellt um stundenlang zu klatschen und anzufeuern. Irgendwie vergeht so Kilometer um Kilometer und ich nähere mich dem Ziel. Irgendwann realisiere ich, dass ich heute schnellster Amateur bei der Ironman EM in Frankfurt werden kann. In der letzten Runde die beruhigende Nachricht: Der Vorsprung bleibt weiter konstant. So schleppe ich mich irgendwie durch und komme auf dem Römer an. Kurz vor dem Ziel steht Ilka auf der Bühne und wir klatschen ab. Dann ist es endlich überstanden. Nach 9:04 erreiche ich als schnellster Agegrouper und gesamt 17ter die Ziellinie. Ich werde direkt mit Schwämmen versorgt und bekomme einen Becher kaltes Wasser gereicht. Als ich gerade ansetzen will um meinen immensen Durst zu stillen, geht ein Herr dazwischen und nimmt mir den Becher wieder weg. Wa? Wer ist er denn bitte? Bevor ich mich sortieren kann, stellt er sich als Mitarbeiter der Dopingkontrolle vor, erklärt, dass er mich jetzt begleite und ich gerne die von Ihm gestellten Getränke nutzen dürfe. Der Herr ist zwar ausgesprochen nett und ich freue mich auch darüber, dass mittlerweile im Amateurbereich Kontrollen durchgeführt werden. Trotzdem wird mir schnell bewusst: Wenn ich in meinem körperlichen Zustand nicht mehrere Stunden mit ihm verbringen möchte, muss ich sehr sehr viel Wasser trinken. Also mache ich in kurzer Zeit eine 2 Liter Flasche leer, was nicht gerade zur Steigerung meines Wohlbefindens beiträgt. Trotzdem schaffe ich es nach einer knappen Stunde mit dem Vorgang durch zu sein und mache mich im Athletes Garden frisch. Beim Abholen meines After Race Beutels steigt mir das gute Ergebnis erstmalig zu Kopf. Zwei Helfer stehen ein paar Meter entfernt, nicken mir zu und ich glaube den einen sagen zu hören “Der da, der hat gewonnen”. Sein Kollege Antwortet “Ja, genau, seinen Beutel holt der Wolfgang schon”. Naja, man hört halt was man hören möchte. Nach der Dusche treffe ich Ilka wieder, wir suchen uns ein klimatisiertes Café und ich kann ausführlich vom Tag berichten. Abgesehen von der Hitze geht es mir schon wieder erstaunlich gut. Aufgrund des vergleichsweise langsamen Marathons – den Großteil bin ich bei niedriger Trainingsintensität gelaufen – sind die Muskeln nicht so kaputt wie sonst. Wir verbringen noch einen netten Abend mit Nils beim Italiener und ich liege gegen 0 Uhr im Bett. Die Temperatur im Hotelzimmer liegt bei gefühlt 35 Grad, meine Körpertemperatur bei gefühlt 50 Grad. Die unzähligen Becher Cola auf der Laufstrecke tragen zusätzlich dazu bei, dass ich mich die Nacht eher im Bett umherwälze als zu schlafen.

Montag

Der Tag der Siegerehrung und Slotvergabe. Trotz der miesen Nacht und den Belastungen des Vortages geht es mir erstaunlich gut. Von der Siegerehrung erhoffe ich mir trotzdem nicht allzu viel. Ich empfinde eine Siegerehrung der Alterklassen immer als eine Art Massenabfertigung und sie weckt bei mir auch wenige Emotionen. Dafür darf ich im Anschluss zum Interview für das “triathlon” Magazin. (https://tri-mag.de/szene/ich-sehe-mich-als-normalen-agegrouper-148473)
Aufregend wird es dann noch einmal bei der Slotvergabe für den Ironman Hawaii. Schon zum Ende der letzten Saison hatte ich den Beschluss gefasst, Hawaii für 2019 in meine Jahresplanung aufzunehmen, dies aber nicht an die große Glocke gehängt. So konnte ich dieses Mal beim Aufruf meines Namens auch laut “JA” rufen und die Münze + Blumenkette in Empfang nehmen. Definitiv ein tolles Erlebnis. Ich bin gespannt darauf, was noch folgt.

Fazit

Das Fazit zu diesem Wettkampf fällt dieses Mal ausführlicher aus als sonst und ich habe es ehrlich gesagt auch noch nicht komplett gezogen. Daher wird dies vermutlich mein erster zweigeteilter Wettkampfbericht. Wer es bis hierhin durchgehalten hat, dem sei gesagt: Teil 2 folgt!