Ironman Hawaii 2019

Ironman Hawaii 2019

9. November 2019 0 Von Benni

Franz Kafka schrieb die Novelle “Das Urteil” in einer Nacht herunter. Franz Kafka hätte den Ironman Hawaii vermutlich nicht in unter 9 h geschafft. Also darf ich auch 4 Wochen für meinen Wettkampfbericht zum Ironman Hawaii brauchen. Aber jetzt ist er fertig. Viel Spaß beim Lesen.   

Vorbereitung

Nach dem Erfolg von Frankfurt bin ich zu den VIPs aufgestiegen und es folgt ein wahrer Marathon aus Presse- und Sponsorenterminen. Ich jette um die Welt und… Ja gut, nicht ganz. Ich hänge eher auf dem Sofa rum und bin froh einfach mal nichts zu tun. Das wird mir aber schon nach kurzer Zeit zu langweilig. Auf geht’s, ein gutes Ergebnis auf Hawaii erarbeitet man sich nicht auf dem Sofa. Erste Schwimmeinheit. Im Anschluss tut der Hals weh. So hart war es doch gar nicht? Ich schlage mich noch ein paar Tage durch, bis ich zum Arzt gehe. Diagnose: Mandelentzündung. Antibiotika. Eine Woche Trainingsausfall. Sehr viel Eis. Road to Kona: Läuft! Das Sofa wird langsam überstrapaziert. Nach einer Woche geht es endlich weiter. Nächste Schwimmeinheit. Im Anschluss: Rückenschmerzen. Zu viel Sofa?! Okay, ruhig bleiben. Dein Körper hat das ganze Jahr mitgespielt und sich die unkritischste Phase für seine Wehwehchen gewählt. Ungeduldig werde ich noch lange nicht. 2,5 Monate Zeit, alles machbar. Nach einer weiteren Woche ist auch der Rücken wieder heil. Jetzt wird durchgestartet. Erste Zwischenstation: Regionalliga Stuhr. Fazit: Es gibt noch reichlich zu tun. Coach Goerke macht mir ordentlich Beine und so geht es zügig wieder bergauf. Beim nächsten Test, einem SwimRun mit Teamkollege Silas, sieht es mit der Form schon deutlich besser aus. Um wieder in die Erfolgsspur zu kommen reicht es mangels nötiger Navigationsfähigkeiten trotzdem nicht.

Dann der ultimative Motivationskick: Sieg mit meinen USC Kiel Jungs beim Regionalliga Teamrennen in Bad Zwischenahn. Im Sprint gegen die Sportsfreunde aus Hamburg. Besser geht es nicht. Satt bin ich trotzdem noch nicht. Also geht es direkt im Anschluss nach Lanzarote. Training mit Hawaii Simulation: Lava, heiß, Wind. Nach zwei optimalen Wochen bin ich bereit für Heldentaten. Am Samstag darauf stehe ich in Almere an der Startlinie der Mitteldistanz, heiß wie Frittenfett. Und es läuft. Wie 2016 kann ich die Mitteldistanz gewinnen. Jetzt nur noch den Deutschen Spätsommer überstehen. Und er ist gnädig. Auch das Training des letzten Blocks kann ich optimal durchziehen. So geht es Ende September bester Dinge über Zürich und San Francisco nach Kailua Kona. Zu meinem bisher größten Abenteuer als Triathlet.      

Anreise

Die Anreise verläuft bis San Francisco reibungslos. Nach einer guten Stunde Immigration kann ich meine gute Form mit einen knackigen 1000 m Sprint zum Gate des Anschlussfluges unter Beweis stellen. Beine gut, Stresslevel für meinen Geschmack etwas hoch. Irgendwann endlich die Ankunft in Kona. Kurz vor der Gepäckausgabe steht mein Teamkollege Fritjof, der für Hannes Hawaii Tours im Einsatz ist. Er bereitet uns mit Blumenkette und Ananas einen mega Empfang. Strapazen der 30 h Reise? Sofort vergessen!

 Bei der Gepäckausgabe wird ein Radkoffer nach dem nächsten angeliefert. Meiner ist leider nicht dabei. Routiniert erklärt mir die United Airlines Mitarbeiterin, dass das Rad morgen früh nachkommt und mir direkt ins Hotel geliefert wird. Wo muss ich unterschreiben? Nach einer ersten Fahrt über den Queen K Highway kommen wir in unserem Appartement an. Amerikanisch bescheiden. Zwei Etagen, drei Badezimmer, vier Fernseher, …. Ich haue mich sofort ins Bett und stelle fest, dass ich am Montagmorgen um 3 Uhr aufgestanden bin und 31 h später um 22 Uhr am Montagabend im Bett liege. Nicht nur gefühlt der längste Tag meines Lebens.

Kona

Der erste Morgen. Noch etwas durcheinander von 12 h Zeitverschiebung brechen wir um 6 Uhr auf zum Supermarkt. Sonnenaufgang, 26 Grad (Celsius, oder 26*1,8+32 Grad Fahrenheit). Ilka drückt mir meine Jacke in die Hand. Ich bin überzeugt: Jetlag, geistige Verwirrung. Bis wir den auf gefühlte 10 Grad heruntergekühlten Supermarkt betreten. Danke für die Jacke! Sorgfältig begutachten wir die Auswahl in einem Hawaiianischen Supermarkt. Die erste faszinierende Sehenswürdigkeit unseres Urlaubs wird der Kassenzettel. Lebensmittelpreise in Deutschland und Lebensmittelpreise auf Hawaii verhalten sich grob zueinander wie Celsius und Fahrenheit.

Nach dem Frühstück starte ich eine erste Laufeinheit. Natürlich auf dem Ali’i Drive. Und natürlich stilecht mit freiem Oberkörper. Tempo: Ganz locker. Puls: In astronomischen Höhen. Gefühl: Trotzdem erstaunlich gut. Nach getaner Arbeit setze ich mich für einen Augenblick auf der Terasse auf eine Liege. Als die sich bildende Pfütze unter der Liege Ilkas Füße erreicht, wird es Zeit mich in das klimatisierte Appartement zu begeben. 

Später am Tag ein erster Schwimmstreckencheck: Warmes, kristallklares Wasser, Korallen, bunte Fische. “Hawaii ist der Hammer” haben mir andere immer wieder erzählt. So langsam glaube ich sie haben recht. Am Nachmittag wird tatsächlich mein Rad angeliefert. Ich bin bestens gelaunt und optimistisch.

Der zweite Tag. Ich baue mein Rad zusammen und starte Richtung Hawi (Wendepunkt der Radstrecke). Auf dem Queen K fühle ich mich wie an einem regnerischen Sonntag auf Zwift. Eine endlos scheinenden Schlange von Fahrradfahrern um mich herum. Wo ist aber dieser Wind, von dem alle reden? Alles ist ruhig. Die Antwort kommt gute 20 km später. Plötzlich fegen mich Böen regelmäßig fast von der Straße. Im Anstieg nach Hawi wird der Wind immer stärker. Ich kann das Rad kaum noch kontrollieren. Okay, ich sehe ein, das ist wirklich starker Wind. 

Am Abend bin ich froh, als Lionel Sanders, den wir beim Aufbruch aus Hawi mit seiner Kamera Crew gesichtet haben, in den Sozialen Medien von “insane crosswinds” berichtet. Offensichtlich ein guter Tag für eine erste Probefahrt.

Der dritte Tag. Motiviert starte ich in einen letzten längeren Lauf. Ich scheine bestens mit der Hitze zurecht zu kommen. Das Rennen wird ein Kinderspiel. Eine gute Stunde später bin ich geerdet. Wie soll ich bei solchen Bedingungen einen Marathon laufen? Das geht doch nicht. Aber noch über eine Woche Zeit bis zum Start. 

Die folgenden Tage verlaufen weitestgehend unspektakulär. Viel Entspannung, etwas Training, einige Vorbereitungen und die Entscheidung soziale Medien und YouTube bis zum Wettkampf komplett zu ignorieren. Und dann ist sie auch schon da: Die Rennwoche. Kona wird immer voller und die morgendliche Stimmung an der Pier ist der Wahnsinn. Die Messe wird eröffnet und langsam stehen die offiziellen Programmpunkte an. Eine ganzer Ort im Ausnahmezustand. Ich nehme nicht alles mit, spare mir z.B. die Nationenparade und den Underpants Run. Trotzdem sind wir fast täglich im Ort und bestaunen das bunte Treiben. Fasziniert bin ich vom sogenannten “Athlete Check-in”. Ich durchlaufe diverse Stationen, u.a. eine extra Station nur um gezeigt zu bekommen, wie ich den Zeitmesschip am Knöchel befestige. Ich muss diverse Zettel unterschreiben, unter anderem, dass ich verspreche am Renntag keinen Rucksack mit in die Wechselzone zu bringen. Bei den ganzen Formularen stelle ich fest, dass ich mit meinem Geburtstag (05/05/) und dem gewählten Tag für das Check-in (10/10/) nicht einmal durch das Amerikanische Datumsformat aus der Ruhe gebracht werden kann.      

Zwei Nächte vor dem Rennen werde ich kurz nach Mitternacht von einem stechenden Schmerz im Unterarm geweckt. Verwirrt schalte ich das Licht an. Eine leicht blutende Stelle. Insektenstich? Welches Insekt verursacht solch einen Stich? Der Unterarm schmerzt immer stärker. Ich stehe auf. Es klebt keine mutierte Spinne an der Decke. Was war es dann? Mir schießt die Erinnerung an unseren Aufenthalt in Südafrika mit einem Skorpion im Badezimmer in den Kopf. Panik! Wo ist mein Handy? “Okay Google: Gibt es Skorpione auf Hawaii?” – Negativ. Beruhigt bin ich noch nicht. Außerdem brennt mein Arm. Nach etwas Recherche finde ich Berichte zum Hawaiianischen Tausendfüssler, dem Centipede. Wer bei Tausendfüssler denkt “Ach wie niedlich”, dem sei eine Bildersuche nach Centipede nahegelegt. Bei der weiteren Recherche stoße ich immer wieder auf Aussagen wie “Bisse enden nicht selten im Krankenhaus” oder “verursacht extreme Schwellungen”. Hervorragend. Noch 30 h bis zum Start des Ironman Hawaii, dem wichtigsten Rennen meines Lebens. Okay, erstmal beruhigen und wieder ins Bett legen. Als ich die Bettdecke beiseite ziehe, sehe ich meinen ca. 10 cm langen Freund flüchten. Ich stehe meinen Mann, stoße einen Laut aus, den Ilka später als Quieken bezeichnet, schmeiße die Decke weg und renne aus dem Zimmer. Völlig bedient weiche ich auf das zweite Schlafzimmer aus. Ich kühle den Arm mit Eis und finde den Rest der Nacht kaum noch richtigen Schlaf.

Am nächsten Morgen komme ich zur Ruhe. Der Arm ist nur sehr leicht geschwollen. Der Schmerz hat deutlich nachgelassen. Ich frage mich, ob ich jetzt vielleicht Superkräfte bekomme. Ich absolviere mein leichtes Trainingsprogramm und hole den verpassten Schlaf mit einer Mittagsstunde nach. Alles wird gut. Als ich Nachmittags mein Rad einchecke, beginnt der endgültige Fokus auf das Rennen. Jeder Teilnehmer wird von einem persönlichen Helfer durch die Wechselzone begleitet. “Where are you from?” – “Germany” – “Ooooh, that’s AWESOME!” Ich fühle mich pudelwohl. Alles ist perfekt durchorganisiert. Danach heißt es nur noch Füße hoch und den großen Tag einfach kommen lassen.

Raceday

3:30 Uhr. Wecker. Die Nacht war okay. Kein Tausendfüssler. Mir ist kalt. Mir ist immer kalt, wenn ich so früh aufstehen muss. Ich bringe mich mit dem üblichen Vorstartprozedere in Schwung: Haferflocken essen, Sonnencreme auftragen, Sachen zusammensuchen usw. Anschließend mit dem Shuttle über den Ali’i Drive zum Start, wo ich Ilka wieder treffe. Mittlerweile ist mir nicht mehr kalt. Die Atmosphäre in der Dunkelheit ist einzigartig. Ich bin absolut fasziniert vom “Athlete Flow” durch die verschiedenen Stationen. Body Marking (Startnummer auf die Unterarme), Wiegen (um später ggf. starke Dehydrierung erkennen zu können wird jeder Athlet gewogen), Sonnencreme usw. Eine unglaubliche Anzahl an freiwilligen Helfern begleitet diesen Weg. Alle sind bestens gelaunt und geben nette Worte mit auf den Weg. Ich mache mein Rad startklar, ziehe meinen Swimsuite an und begebe mich zum Vorstartbereich. Ich setze mich noch einen Augenblick mit Ilka hin und wir stellen uns auf den Tag ein. Dann positioniere ich mich in meiner Startwelle. In diesem Jahr gibt es auf Hawaii zum ersten mal einen Wellenstart für die Age Grouper. Die Profis starten weiterhin zuerst, dann alle Männer von 18 – 39, dann Männer 40-44 usw. Ich bin also in der ersten Startwelle. Von der Pier aus höre ich die Startkanone für die Profis. Wir müssen noch einige Minuten warten, dann werden wir in das Wasser gelassen. Ich schwimme die 100 m zur Startlinie. Wie fühlen sich die Arme an? Alles bestens. Ich bin bereit. Wie sieht es an der Startlinie aus? Ganz rechts sieht es gut aus. Ich kann mich bequem in der ersten Reihe positionieren. Warten auf den Startschuss. Noch zwei Minuten, noch eine Minute, los geht’s. Den Schwimmstart habe ich im Vorwege als eine der kritischsten Situationen eingeschätzt, da die Leistungsdichte hoch ist und mir das schnelle Anschwimmen nicht liegt. Aber alles unberechtigt. Ich komme extrem gut weg und kann mich direkt in einer Gruppe platzieren. Ganz schöner Wellengang so früh am morgen. Trotzdem fühle ich mich großartig. Beim Blick nach vorne sehe ich, dass ich in der ersten größeren Gruppe bin. Einige kleinere Grüppchen setzen sich ab, aber ich bin mit meiner Position völlig zufrieden. Das Wendeboot. Ich sitze immer noch bequem in der Gruppe. Alles ist perfekt. Zwar fängt der Anzug im Nacken an zu scheuern, trotzdem erwische ich mich bei dem Gedanken “Ach eigentlich könnte ich hier den ganzen Tag einfach in der Gruppe weiterschwimmen.”. Dann kommt die Pier immer näher. Es starten noch ein paar Positionskämpfe, aber insgesamt geht es sehr ruhig zu. Der Ausstieg ist erreicht.                       

Der Wechsel läuft super und ich bin beim Herauslaufen aus der Wechselzone überrascht, dass es extrem leer um mich herum ist. Ich scheine den Großteil der Athleten aus meiner Gruppe beim Wechsel losgeworden zu sein. So habe ich vom ersten Meter an freie Bahn. Also ganz wie ich es mag. Die Gefahr einer vollen Radstrecke hat mich im letzten Jahr im Schwimmtraining immer wieder angetrieben. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat. Die erste Schleife über den Kuakini Highway lasse ich ruhig angehen. Kurz nachdem wir auf den Queen K abbiegen, schließt eine 3er Gruppe zu mir auf. Das Tempo passt. So fahren wir in einer kleinen Gruppe auf faire Art weiter und sammeln einige der schnellen Schwimmer ein. Ich greife an jeder Verpflegungsstation eine Wasserflasche und kühle mich mit weiterem Wasser ab. Als wir den Flughafen passiert haben und die Strecke freier wird, frischt der Wind auf. Kurz vor dem Abzweiger nach Hawi bei km 65 kommen die ersten starken Böen auf. Jetzt stabil bleiben. Klein machen und einfach weiter fahren. Unsere Gruppe zerlegt sich. Einer nach vorne, einige andere nach hinten. Ich fahre mit einem Begleiter zu zweit weiter. Im Anstieg nach Hawi kommt mir die Spitze des Profifeldes entgegen. Ich versuche mich immer so gut wie möglich auf mein eigenes Rennen zu konzentrieren, aber das lasse ich mir nicht entgehen. Frodeno, Brownlee vorne, Wurf und die anderen Uberbiker in der Verfolgung. Epic! Zum Wendepunkt geht es noch einmal voll in den Gegenwind hinein, so dass sich die letzten Kilometer ewig ziehen. Ich habe gehörigen Respekt vor der Abfahrt, bin aber fest entschlossen einfach die Aeroposition zu halten und durchzudrücken. Unten angekommen stelle ich fest: Alles easy, halb so wild. Außerdem merke ich: Die schnellen Schwimmer sind fast alle eingeholt. Als es zurück auf den Queen K geht habe ich den letzten noch vor mir fahrenden gestellt. Jetzt ist der Highway vor mir bis auf einige abgehängte Profi Frauen komplett leer. Ich halte den Druck auf die Pedale konstant und kann mich von meinen ursprünglichen Begleitern absetzen. Damit, dass ich so freie Fahrt habe, hatte ich nicht gerechnet. 

Zurück in Kona. Ich steige vom Rad und laufe durch die komplett leere Wechselzone. Im Wechselzelt werde ich von zwei Helfern versorgt. Ich bekomme eiskalte, nasse Handtücher auf den Kopf und Nacken gelegt, während ich meine Schuhe anziehe. Dann geht es los. Marathon. Der Endgegner. Schon auf den ersten Metern höre ich immer wieder “Yeah, great job, first age grouper!”. Ich scheine ganz vorn zu liegen. Sehr gut. Ich halte mich trotzdem an meine Marschroute. Nach wenigen Kilometern kommen die ersten schnellen Läufer von hinten. Am Wendepunkt auf dem Ali’i Drive sehe ich: Da kommen noch so einige weitere schnelle Jungs von hinten. Egal, mach Dein eigenes Rennen. So läuft es bis zur Palani Road weiter sehr geschmeidig.

Nach 12 km der gemeine Anstieg die Palani hoch. Bloß locker machen. Ich trabe ganz easy hoch. Oben angekommen weiß ich: Jetzt geht es richtig los. Die ersten Meter auf dem Queen K. Fritjof steht mit seiner Party Crew am Rand und brüllt mich an. Danach wird es einsam. Der Highway zieht sich ewig. Gefühlt laufe ich nur noch bergauf. Die Sonne brennt von oben. Ich habe Angst, dass meine Schuhsohlen auf dem Asphalt schmelzen. Ich rette mich von Aid Station zu Aid Station. Dazwischen bemühe ich mich nicht zu platzen. Energy Lab. Mein Tempo ist mittlerweile deutlich gesunken. Ich werde von einigen Jungs überholt. Trotzdem laufe ich immer weiter. Ein erster Blick auf die Gesamtzeit. Was folgt ist das übliche Rechenspiel. Wie schnell muss ich die bleibenden Kilometer noch laufen, um unter 9 h ins Ziel zu kommen? Kilometer 35. Es sieht gut aus für Sub 9. Allerdings macht mir nicht mehr nur die Hitze zu schaffen, auch die Oberschenkel fangen an zu streiken. Wie soll ich die Palani Road noch runter kommen? Kilometer 40. Fritjof brüllt mich wieder an, ich schleiche an ihm vorbei. Palani. Einfach laufen lassen. Und irgendwie geht es. Die letzten Meter. Ilka steht vor dem Zielkanal. Wir klatschen ab. Ich laufe über die Zielinie und sehe: 8:56 h. Yes! Geschafft. Hammer. 

Trotz der Leiden hatte ich auf der Laufstrecke gefühlt immer alles unter Kontrolle. Mit Überquerung der Zielinie ändert sich das schlagartig. Riesen Durst, mir ist übel, ich kann nicht mehr gehen. Ein Helfer begleitet mich. “Water! Water!” stammel ich vor mich hin. Ca. 200 m bis zur Zielverpflegung. Ich reiße einer Helferin, die am Rand steht, ihre Wasserflasche aus der Hand. 100 m bis zur Zielverpflegung. “Sorry mate, I cannot do this!” Ich muss mich auf den Boden legen. Ich werde von mehreren Helfern versorgt und liege 10 Minuten mit hochgelegten Beinen auf dem Rasen. Danach geht es etwas besser und ich schaffe das letzte Stück. Ich erhalte meine Medaille und lege mich in einen Liegestuhl. Neben mir lässt sich Christian nieder, der dieses Jahr schnellster Amateur in Roth war. Wir quatschen über das Rennen und mir geht es langsam immer besser. Irgendwann fühle ich mich bereit aufzustehen und treffe Ilka, die geduldig gewartet hat, außerhalb des Athletenbereiches wieder. Ich kämpfe mich noch einmal die Palani hoch, um zum Auto zu kommen. Zurück im Hotel checke ich den Athlete Tracker. Mein Idealziel war eine Top 50 Platzierung im Gesamtfeld inkl. aller Profis. Ich öffne die App, sehe meinen Namen und daneben Platz 50. Punktlandung! Ach, das ist im Männerfeld. Inkl Profi Frauen ist es Platz 56. Ich mache mich frisch und ruhe mich etwas aus, bevor wir wieder aufbrechen um mein Rad auszuchecken. Außerdem möchte ich mir die Finish Line im dunkeln angucken. Wir gucken kurz bei Fritjof vorbei, der mir sofort eine Flasche Bier in die Hand drückt. Nach zwei Schlücken merke ich, dass ich den Rest lieber stehen lassen sollte. An der Finish Line merke ich schnell: Das wird nichts mehr mit mir heute. Ich hole mein Rad, wir fahren ins Hotel und ich bin einfach nur K.O. In den nächsten Tagen fühle ich mich schon deutlich besser, allerdings sind meine Beine zerstört, wie ich es noch nie erlebt habe. Jeder Schritt tut weh. Aber ab jetzt heißt es: Urlaub.

Fazit

Meine erste Teilnahme auf Hawaii. Ich wusste vorher nicht was mich erwartet und wie ich mit den Bedingungen zurecht komme. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was dabei herausgekommen ist, bin ich absolut zufrieden. Ich bin stolz darauf beim wichtigsten Triathlon überhaupt auf dem 55 Platz (es gab eine nachträgliche Disqualifizierung) overall und auf Platz 13 der Amateure gelandet zu sein. Der Ironman Hawaii war ein geniales Erlebnis. Das Flair in der ganzen Rennwoche ist einmalig. Die Insel ist faszinierend und definitiv eine Reise wert. 

“Machst Du das noch einmal?” bin ich zwischenzeitlich gefühlte 100 Mal gefragt worden. Ich bin mir sicher, irgendwann mache ich das noch einmal. Ich bin mir auch sicher, dass es 2020 noch nicht soweit ist.